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Mentale Stärke trainieren – für Beruf und Alltag

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Der Drache am Rand deiner Landkarte

Alte Seekarten hatten an ihrem Rand oft eine Warnung: „Hic sunt dracones" – hier lauern Drachen. Alles, was die Kartenzeichner nicht kannten, bekam ein Ungeheuer aufgemalt. Eine Warnung an jeden Seefahrer: Ab hier wird es gefährlich.

Dein Gehirn zeichnet ähnliche Karten. Sobald du an etwas Neues denkst – ein Projekt, ein Gespräch, das du eigentlich längst hättest führen müssen –, taucht irgendwo am Rand ein Drache auf. Ein Gedanke wie: Das schaffst du nicht. Das ist zu riskant. Lass es lieber. Dabei lauert da draußen oft gar keine reale Gefahr. Nur ein Gedanke, den du schon sehr oft gedacht hast.

Shila Driesch nennt diese Gedanken mentale Blockaden. Und sie zeigt in ihren Vorträgen einen Weg, wie du sie erkennst, einordnest – und Schritt für Schritt hinter dir lässt. Wer diese Blockaden erkennt, trainiert genau das: mentale Stärke.

Was eine mentale Blockade eigentlich ist

Am Anfang jeder Blockade steht ein einzelner negativer Gedanke. Irgendwann hast du ihn öfter gedacht, als dir bewusst war. Und ein Gedanke, den du oft genug denkst, fängt an, sich wie Wahrheit anzufühlen. Er sinkt ab, wie ein Anker, der langsam unter die Wasseroberfläche rutscht. Einmal dort unten, steuert er dein Verhalten, ohne dass du noch aktiv darüber nachdenkst.

Das macht Blockaden tückisch: Du merkst sie meistens gar nicht mehr. Dein Unterbewusstsein hält sie für Schutz – ähnlich wie ein Anker, der ein Schiff sicher hält. Nur dass ein Schiff im Hafen zwar am sichersten liegt, aber nicht dafür gebaut wurde, dort zu bleiben.

Diese Anker kommen aus drei Quellen. Aus deinem Umfeld – Eltern, Schule, alles, was du als Kind ungefiltert übernommen hast, bevor dein Verstand gelernt hatte, Aussagen zu hinterfragen. Aus deiner Kultur, den ungeschriebenen Regeln, die dir sagen, worüber man spricht und worüber nicht. Die dritte Quelle sind deine eigenen schmerzhaften Erfahrungen, die sich einbrennen wie eine Narbe.

Manche dieser Sätze kennst du. „Dafür bist du noch zu klein." „Eigenlob stinkt." Beide haben eine zweite Hälfte verloren, die alles verändert: „Dafür bist du noch zu klein – aber schon bald wirst du groß und stark genug sein." „Eigenlob stinkt, doch weiter kommt man ohne es." Die verkürzte Version bleibt hängen. Die vollständige hätte dich weitergebracht.

Warum du diese Gedanken nicht einfach löschen kannst

Der naheliegende Impuls: den Drachen töten, den Gedanken einfach nicht mehr denken. Das funktioniert nicht – aus einem simplen Grund. Denk jetzt bitte nicht an einen rosa Elefanten. Es geht nicht. Dein Gehirn verarbeitet kein Nichts. Wenn du versuchst, einen Gedanken zu verbieten, wird er stärker, nicht schwächer.

Die gute Nachricht: Du musst ihn auch nicht töten. Du kannst ihn zähmen. Die Wege in deinem Gehirn sind nicht in Stein gemeißelt, sondern formbar – Neuroplastizität nennt sich das. Ein Gedanke, den du heute zum ersten Mal bewusst denkst, ist zunächst nur ein Trampelpfad. Denkst du ihn oft genug, wird daraus eine neue Autobahn. Die alte, die du nicht mehr befährst, verliert mit der Zeit an Kraft.

Genau das steckt hinter Shilas Kernthese: Mentale Stärke ist kein Talent. Sie ist trainierbar.

Mentale Stärke aufbauen: Warum Talent überbewertet wird

Der erste Drache, den Shila in ihren Vorträgen zähmt, ist der Vergleichsdrache. Er flüstert dir zu: Du bist nicht talentiert genug. Andere haben das im Blut, du nicht.

Nimm Bill Gates. Die meisten halten ihn für ein Naturgenie. Tatsächlich hatte er vor allem eines: früh Zugang zu einem Computerraum, wie ihn selbst große Universitäten damals nicht besaßen. Während andere Kinder draußen spielten, saß er dort, Stunde um Stunde, probierte aus, scheiterte, fing neu an. Später, an der Universität, beobachtete er, dass die Rechner nachts zwischen drei und sechs Uhr frei waren – und stand extra dafür auf, um sie zu nutzen. Bis zur Gründung von Microsoft hatte er über 10.000 praktische Stunden gesammelt. Der Psychologe Ericsson hat diese Zahl untersucht: Wer in einem Bereich Spitzenleistungen erreichen will, braucht genau das – Übung, keine Abkürzung. Selbst Mozart komponierte bis 21 Jahre vor allem im Schatten seines Vaters. Seinen ersten wirklich eigenen Erfolg hatte er erst danach. Die Beatles spielten sich durch Hamburger Kneipen, lange bevor sie berühmt wurden.

Shila kennt diesen Mechanismus aus eigener Erfahrung. Nach dem Studium in Holland wurde sie mit Anfang zwanzig als Dozentin engagiert – drei Wochen Vorbereitungszeit, kein Rhetorikkurs, nur ein Stundenplan. Sie arbeitete ein Jahr lang von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Am Ende hatte sie über 5.000 Praxisstunden gesammelt. Nicht Talent hat sie dahin gebracht. Übung.

Eine einfache Übung dafür: Führe 21 Tage lang ein kurzes Chancen-Tagebuch. Frag dich abends: Welche Chance hatte ich heute? Welche habe ich genutzt? Wie hat sich das angefühlt? Und: Welche Chance habe ich mir selbst gesucht? Nach drei Wochen wird daraus ein automatischer Filter – dein Gehirn beginnt, Chancen von selbst aufzuspüren, wie ein Trüffelschwein, das findet, was andere übersehen.

Und falls du an dir zweifelst, obwohl du längst etwas erreicht hast: Das nennt sich Hochstapler-Syndrom, und selbst Albert Einstein war betroffen. Zweifel sagt nichts über deinen tatsächlichen Erfolg aus.

Klartext schlägt Weichmacher

Der zweite Drache ist der Perfektionsdrache. In der Schule wurden Fehler rot markiert – je mehr Rot, desto schlechter die Note. Diese Prägung bleibt: Wir vermeiden lieber Fehler, als etwas klar auszusprechen.

Wie gefährlich unklare Kommunikation werden kann, zeigt ein Beispiel aus der Luftfahrt: In den Neunzigern häuften sich Abstürze bei Korean Air. Untersuchungen zeigten, dass ein Co-Pilot ein Problem eher andeutete als direkt benannte – und in kritischen Momenten schlicht nicht verstanden wurde. Die Airline änderte danach gezielt ihre interne Kommunikation und zählt heute zu den sichersten der Welt.

Im Berufsalltag zeigt sich dasselbe Muster kleiner, aber genauso wirksam. Ein Kunde wartet auf ein Ersatzteil, du weißt: Es kommt sicher am Freitag. Trotzdem sagst du „vielleicht Dienstag, vielleicht Donnerstag". Das Wort „vielleicht" versetzt dein Gegenüber in einen Reizzustand – dein Gehirn mag keine Unsicherheit, selbst eine klare schlechte Nachricht lässt sich besser verkraften als eine unklare. Sag stattdessen, was du sicher weißt.

Drei kleine Stellschrauben wirken sofort: Konjunktive abtrainieren – aus „ich würde mir wünschen" wird „ich wünsche mir". Negationen vermeiden – aus „bitte versteh mich nicht falsch" wird „bitte verstehe mich richtig". Und Wortwahl bewusst treffen: Ikea hat intern das Wort „unmöglich" verbannt. Du kannst dasselbe im Kleinen tun – „Herausforderung" statt „Problem" klingt nicht nur netter, es verändert, wie dein Kopf die Situation bewertet.

Vertrauen trotz alter Verletzungen

Der dritte Drache ist der Kontrolldrache. Er sagt: Mach es lieber selbst, du kannst niemandem wirklich vertrauen. Meistens steckt dahinter eine Erfahrung, in der genau das schiefging.

Shila erzählt dazu die Nibelungensage: Siegfried badet im Blut des erschlagenen Drachen, um unverwundbar zu werden – nur an einer Stelle zwischen den Schultern bleibt ein Lindenblatt kleben, seine einzige verwundbare Stelle. Nur seine Frau kennt sie. Sie verrät sie gutgemeint an einen vermeintlichen Beschützer, der Siegfried am Ende genau dort tötet.

Fast jeder hat einen eigenen Hagen im Leben – jemanden, der Vertrauen enttäuscht hat. Enttäuschung lässt sich kaum verhindern. Was du beeinflussen kannst, ist die Entscheidung danach: ob du dich verschließt oder wieder vertraust. Erfolg ist selten ein Soloprojekt. Er entsteht dort, wo Fehler nicht bestraft, sondern besprochen werden: „Einmal ist keinmal, aber zweimal ist einer zu viel", wie Shila es von einem alten Lehrer gelernt hat.

Was würde deine beste Version jetzt tun?

Mentale Stärke trainieren heißt nicht, jeden Drachen zu töten. Es heißt, zu entscheiden, welche neuronale Autobahn in deinem Kopf wächst – und welche verkümmert.

Shilas Leitfrage dahinter lautet: Was würde meine beste Version jetzt tun? Genau darum geht es beim Business Mental Training: um Übung, die im Alltag ankommt.

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