Multitasking-Mythos: Warum dein Gehirn nur eins kann
Kurz gesagt: Multitasking heißt, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten. Bei zwei Denkaufgaben gleichzeitig gibt es das aber nicht. Dein Kopf springt zwischen den Aufgaben hin und her, und jeder Sprung kostet Energie. Mehr schaffst du, wenn du eine Sache nach der anderen erledigst und sie auch im Kopf abschließt. Das lässt sich üben.
Gibt es Multitasking überhaupt?
Du beantwortest eine Mail, während das Telefonat noch läuft. Im Meeting feilst du nebenbei an der Präsentation für morgen. Viele sind stolz darauf, so zu arbeiten. Es fühlt sich schnell an.
Shila Driesch hält dagegen. „Wir brüsten uns manchmal damit“, multitaskingfähig zu sein, sagt sie in einem Vortrag über Fokus. „Das sind wir aber nur über einen ganz kurzen Zeitraum.“ Für sie ist Multitasking „einer der größten Fokusfresser überhaupt“.
In einem Interview formuliert sie es so: Wir denken immer, wir können das alles. Teilweise stimmt das sogar. „Aber es geht sehr viel Energie verloren.“
Dieses „teilweise“ ist wichtig. Aus der Psychologie ist bekannt: Eingeübte Abläufe laufen gut nebenher. Gehen und dabei reden klappt. Sobald aber zwei Aufgaben dein Nachdenken brauchen, arbeitet der Kopf sie nicht parallel ab. Er wechselt. Der Multitasking-Mythos lebt davon, dass sich diese Wechsel wie Gleichzeitigkeit anfühlen.
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Was beim Multitasking in deinem Kopf passiert
Shila erklärt es gern über das Wort selbst. Was ist die Mehrzahl von Fokus? Die Frage bringt Menschen ins Grübeln, und das ist gewollt. Fokus heißt Mittelpunkt oder Brennpunkt. „Wir können nur einen haben“, sagt sie. Eine Mehrzahl ergibt keinen Sinn.
In einem anderen Gespräch beschreibt sie, wie klein dieser Brennpunkt ist. Die Spanne unseres Bewusstseins ist schmal. Du kannst sie aber bewusst auf das lenken, was dir weiterhilft.
Beim Wechseln zwischen zwei Aufgaben muss sich der Kopf jedes Mal neu sortieren, auch das ist allgemein bekannt. Wo war ich gerade? Was war der nächste Schritt? Diese Orientierung dauert, und in der Lücke passieren Fehler. Einzeln merkst du davon wenig. Über einen Arbeitstag mit vielen Wechseln summiert es sich.
Der Stroop-Test: ein Fokus, zwei Signale
Wie sich das anfühlt, lässt Shila ihr Publikum selbst erleben. Bei einem ihrer Vorträge hatte sie dafür einen Farb-Wort-Test dabei, in der Psychologie als Stroop-Test bekannt.
Auf der Folie erscheint ein Wort. Was dort steht, ist egal. Die Aufgabe: laut die Farbe sagen, in der das Wort geschrieben ist. Nachstellen kannst du das selbst: Schreib das Wort „Rot“ in blauer Farbe und sag „Blau“.
Das klingt leicht und ist erstaunlich zäh. Shila erklärt, warum: Das Unterbewusstsein will das Wort lesen. Du musst ihm immer wieder sagen: Nein, der Fokus liegt auf der Farbe. Nach ein paar Durchgängen ist klar, wie anstrengend das ist. „Wenn wir das noch zehn Minuten machen, ist eure mentale Batterie völlig leer“, sagt sie im Vortrag. Und der Test zeigt vor allem eines: Du kannst nur einen Fokus haben.
Was dich das ständige Hin und Her kostet
Die offensichtlichen Kosten sind Zeit und Fehler. Shila blickt auf einen Punkt, der oft übersehen wird: die Energie.
Im Interview erzählt die Gesprächsleitung aus ihrer Arbeit mit Unternehmen: Wer ganz viele Bälle in der Luft hat, springt oft von Thema zu Thema. Abends hat sich trotzdem wenig bewegt, weil schon das Wechseln so beschäftigt.
Shila ergänzt eine zweite Folge, und die sitzt tiefer. Es meldet sich der Selbstzweifel, den sie einen Drachen nennt. Die Frage lautet dann: Warum schaffe ich es nicht, die Bälle in der Luft zu halten? Andere schaffen das doch. Ihre Antwort: „Aber die Wahrheit ist, wir haben nur einen Fokus.“
Das nimmt Druck raus. Wer am Jonglieren scheitert, stößt an eine Grenze, die für alle gilt.
Welche Rolle das Handy im Arbeitsalltag spielt, liest du im Artikel Digital-Detox-Tipps für den Job.
Woran du Multitasking im Arbeitsalltag erkennst
Die folgenden Anzeichen leiten sich aus Shilas Aussagen ab.
- Abends weißt du nicht, was du geschafft hast. Du warst den ganzen Tag beschäftigt. Auf die Frage, was fertig ist, fällt dir wenig ein.
- Jede Unterbrechung gewinnt. Jemand kommt rein und braucht deine Hilfe. Shila kennt diese Situation gut: Wir sind sofort dabei, alles stehen und liegen zu lassen.
- Du fängst Dinge dreimal an. Nach jedem Wechsel liest du die letzte Mail oder den letzten Absatz noch einmal, weil du den Faden verloren hast.
- Du vergleichst dich mit den Jongleuren. Der Gedanke „Andere schaffen das doch“ taucht häufiger auf als früher.
- Du bist müde, obwohl nichts Großes passiert ist. Das ist die leere Batterie aus dem Stroop-Test, nur über einen ganzen Tag verteilt.
Je mehr Punkte zutreffen, desto mehr lohnt ein Blick auf den Aufbau deines Tages.
Monotasking: Was statt Multitasking hilft
Shilas Gegenentwurf hat einen eigenen Namen: Monotasking. Sie beschreibt es als produktiver und meint damit mehr, als nur eine Aufgabe auf dem Tisch zu haben. Es geht darum, „eine Aufgabe auch im Kopf abzuschließen“.
Fokus ist eine Entscheidung
Der erste Schritt ist kein Werkzeug. „Fokus ist eine Entscheidung, die wir jeden Tag treffen dürfen“, sagt Shila im Vortrag. Im Interview klingt es ähnlich: Die Fähigkeit zum Fokus hat eine genetische Grundlage, aber du kannst sie aktiv trainieren. Und am Anfang steht die Entscheidung.
Das heißt praktisch: Du legst fest, welcher Ball gerade dran ist. Die anderen fliegen nicht weiter. Sie liegen bereit.
Unterbrechungen kurz parken
Wenn jemand in eine konzentrierte Phase platzt, musst du nicht sofort springen. Shila schlägt vor, die Sache kurz zu Ende zu bringen und dem Gegenüber einen festen Zeitpunkt zu nennen. Wie so ein Satz klingt und wie du feste Fokusblöcke planst, steht im Artikel mit Übungen gegen Ablenkung im Alltag.
Die Frage wechseln
Viel Energie geht laut Shila auch verloren, wenn wir uns fragen, warum eine Situation gerade so ist, wie sie ist. Die Frage „Was kann ich jetzt tun?“ lenkt das Gehirn dagegen auf die Lösung. Das passt zum Monotasking: Du grübelst nicht über zehn Baustellen, sondern suchst den nächsten Schritt in einer.
Übung: Die Bälle-Inventur
Aus Gedanken zusammengestellt, die Shila in Vorträgen und Interviews beschreibt. Keine feste Methode aus ihrem Training.
Schritt 1: Alle Bälle auf Papier. Schreib morgens jedes Thema auf, das dir gerade im Kopf herumgeht. Projekte, offene Rückrufe, die Idee für nächste Woche. Was auf dem Zettel steht, musst du nicht mehr in der Luft halten.
Schritt 2: Einen Ball wählen. Entscheide, welcher Ball als Erstes dran ist. Nur einer. Die übrigen bleiben auf dem Zettel liegen.
Schritt 3: Wechsel zählen. Mach bei dieser Aufgabe jedes Mal einen Strich, wenn du ungeplant zu etwas anderem springst. Es geht nicht um eine gute Zahl. Du sollst nur sehen, wie oft es passiert.
Schritt 4: Im Kopf abschließen. Bevor du zum nächsten Ball gehst, notiere einen Satz: Wo stehe ich, was ist der nächste Schritt? Dann ist die Aufgabe auch im Kopf zu, selbst wenn sie noch nicht fertig ist.
Schritt 5: Abends eine Frage. Shila empfiehlt im Interview, abends in ein kleines Journal zu schreiben. Übernimm das mit dieser Frage: Welchen Ball habe ich heute wirklich bewegt? Für eine neue Routine rechnet Shila mit etwa 21 Tagen. So lange lohnt es sich, dranzubleiben.
Den einen Ball fangen
Mitten im Chaos aus Mails, Rückfragen und halb fertigen Aufgaben wirkt jede Unterbrechung dringend. Genau dann helfen eine kurze Pause und eine Frage: Was würde meine beste Version jetzt tun?
Diese Frage steht im Zentrum von Shilas Training. Stell sie dir, bevor du zur nächsten Aufgabe springst, und fang den Ball, der gerade dran ist. Weitere Übungen für deinen Arbeitsalltag gibt es kostenlos: 7 mentale Tools, die den Arbeitsalltag leichter machen.
Häufig gefragt
Gibt es Multitasking wirklich?
Aus der Psychologie ist bekannt: Bei eingeübten Abläufen wie Gehen und Reden funktioniert Multitasking. Sobald zwei Aufgaben Nachdenken verlangen, wechselt der Kopf zwischen ihnen hin und her, statt sie gleichzeitig zu bearbeiten. Shila Driesch sagt dazu: Wir haben nur einen Fokus.
Warum gilt Multitasking als Mythos?
Weil sich schnelle Aufgabenwechsel wie Gleichzeitigkeit anfühlen. Tatsächlich muss sich der Kopf nach jedem Wechsel neu orientieren. Das kostet Zeit, führt zu Fehlern und verbraucht nach Shila Driesch sehr viel Energie.
Woran merke ich, dass ich zu viel multitaske?
Typische Anzeichen sind ein voller Tag, an dessen Ende wenig fertig ist, Müdigkeit ohne großes Ergebnis und das Gefühl, dass andere mehr schaffen. Auch wer bei jeder Unterbrechung sofort alles stehen und liegen lässt, springt vermutlich oft zwischen Aufgaben.
Was ist Monotasking?
Monotasking heißt, eine Aufgabe nach der anderen zu bearbeiten und sie auch im Kopf abzuschließen, bevor die nächste beginnt. Shila Driesch beschreibt Monotasking als deutlich produktiver als Multitasking.
Kann man Fokus trainieren?
Ja. Laut Shila Driesch ist Fokus zuerst eine Entscheidung, die du jeden Tag neu treffen kannst. Hilfreich sind feste Routinen. Eine Übung dazu steht oben im Artikel: morgens alle offenen Themen aufschreiben, abends kurz zurückschauen.
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